„Wir singen mit dem Herzen, nicht mit unseren Stimmen“

In seinem siebten Jahr gibt der abseits-Chor sein erstes eigenes Konzert

Fast hätte dieses Konzert gar nicht stattgefunden. Wenige Tage vor dem Konzert Mitte Februar ist mit Sonja Loos ein sehr beliebtes Mitglied dieses Chores nach langer, schwerer Krankheit verstorben.

Vielen im Chor wird sicherlich in Erinnerung bleiben, wie sie im letzten Jahr die beschwerliche Reise zum Deutschen Chorfest nach Stuttgart tapfer und trotzdem mit viel Freude gemeistert hat. Die Trauer über ihren Tod habe zu der Überlegung geführt, das Konzert kurzfristig abzusagen, erklärt Thomas Kater dem Publikum. Aber man sei sich schnell einig geworden dass Sonja sie ermutigt hätte, weiterzumachen und habe sich dann bewusst für das Konzert entschieden. Vorne bei der Bühne haben die Mitglieder des Chores eine Kerze für Sonja angezündet und ihr diesen Abend gewidmet.

Als die ersten Gäste in den voll bestuhlten Saal in das Forum am Dom strömen sieht man viele Umarmungen und Glückwünsche. Unter den Gästen sind viele Freunde und Förderer des Chores. Als auch sämtliche zusätzlich herbeigeschafften Klapphocker verteilt sind, ist klar: Es wird voll! So voll, dass die Gäste ganz hinten um den Tresen des Forums verteilt stehen müssen, weit weg von der Bühne. Am Ende sollen es etwa einhundertdreißig Zuhörer werden.

Schon seit Tagen hatte sich bei vielen Chormitgliedern die Spannung und Vorfreude auf das erste eigene Konzert stetig gesteigert. Jetzt, kurz vor dem Start, kommt das Lampenfieber. Die Sorge, vor heimischem Publikum nicht bestehen zu können, ist seit dem Morgen stetig gewachsen. Obwohl viele der Sängerinnen und Sänger beim Deutschen Chorfest in wesentlich größeren Sälen aufgetreten sind, ist ihnen ihre Nervosität deutlich anzusehen.

„Der Chor setzt sich zusammen aus Besucherinnen und Besuchern der Tageswohnung für wohnungslose Menschen und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Tageswohnung und der Straßenzeitung abseits“, erklärt Moderator Thomas Kater in seiner Begrüßung dem Publikum. Es sind keine ausgebildeten Musiker, sondern Menschen, die in ihrem Leben Erfahrungen machen mussten, die den meisten Gästen im Publikum erspart geblieben sind. Das Besondere an dieser Gemeinschaft ist, dass sich die Mitglieder gegenseitig Mut machen und sich durch ihre Lieder und das gemeinsame Singen immer wieder motivieren, ihre eigene Lebenssituation zu meistern.

Als erstes Lied stimmt Chorleiter Markus Strothmann mit seiner Gitarre „Wunder geschehen“ von Nena an. Weiter geht es mit einer bunten Mischung aus gecoverten Songs und selbst komponierten Liedern wie „Nur Mut“ von Dirk Bardelmeier, „Öffne dein Herz“ von Wolfgang Spiering oder „Mein Kind“ von Thomas Kater, eines der Lieblingslieder von Sonja Loos. Die Mitglieder des Chores gewinnen mit jedem weiteren Lied mehr von ihrem Selbstvertrauen zurück, scherzen und lachen miteinander.

Als Thomas Kater nach elf Liedern eine fünfzehnminütige Pause ankündigt sieht man viele zufriedene Gesichter und einige Chormitglieder umarmen sich sichtlich erleichtert. Im Saal ist es mittlerweile recht warm geworden, und so bilden sich auf dem Platz vor dem Forum mehrere Menschengruppen, die angeregt miteinander reden und rauchen.

Nach der Pause geht es mit dem Lied „Conquest of paradise“ weiter. Das Lied hat der Chor vor Kurzem beim Dreikönigskonzert des Gesangsvereins Sängerlust aus Pye gemeinsam mit anderen Chören gesungen und danach in sein Repertoire aufgenommen. Beim nächsten Lied „Durch die schweren Zeiten“ bringt die zierliche Stina Jundt bei ihrem Solo eine unglaubliche Kraft zum Ausdruck. Beim Singen sind ihre Augen geschlossen und jeder Ton spiegelt sich in ihrer Mimik wieder. Als sie am Ende des Solos ihr Gesicht hinter ihrem Ordner mit den Liedtexten versteckt, wirkt es fast so, als ob sie von ihren Emotionen selbst überrascht wäre. Auch Bernhard Hohmann, scheint bei seinem Solo in dem folgenden, von ihm geschriebenen und komponierten Lied „Zerstör mir meine Träume nicht“, völlig in dem Lied aufzugehen. Auch seine Augen sind beim Singen geschlossen und seine Gestik ist raumgreifend, als ob er mit jedem Ton ringen würde.

Mit dem siebten Lied „Take ist easy“ von Truck Stop endet der zweite Teil des Konzertes, aber natürlich gibt der Chor danach noch drei weitere Zugaben. Bei dem Klassiker „Über den Wolken“ von Reinhard Mey pfeifen alle Sänger fröhlich mit und animieren auch das Publikum, mit einzusteigen. Das Lied „Möge die Straße uns zusammenführen“ beendet nach etwa zwei Stunden die musikalische Reise. Das Publikum spendet zum letzten Mal an diesem Abend Beifall und am Ende auch ca. 700 € zugunsten des abseits-Chors. Und wie sich am Ende herausstellt, waren, frei nach Reinhard Mey, „alle Ängste, alle Sorgen“ vor dem Konzert völlig unbegründet.

Text & Fotos: Frank Wenzel